06202018Latest:

Wildlife Beauty vs. Business Beast?

Dies könnte der Plot eines neuen Films der Walt-Disney-Productions sein: eine junge, schöne und idealistische Umwelt-Aktivistin kämpft gegen den Plan eines findigen Unternehmers, der mit Geschick und Überzeugungsarbeit die örtlichen Behörden und die Bevölkerung der Küstendörfer auf seine Seite ziehen will, um mit deren Genehmigung den größten Fisch der Welt unter dem Siegel des Tierschutzes in ein Unterwassergehege zu sperren und zu einer Touristenattraktion zu machen. Zugegeben, das ist schon eine sehr vereinfachte und plakative Darstellung im Stile von “The Beauty and The Beast“, aber bei näherer Betrachtung der Angelegenheit kann man durchaus diesen Eindruck bekommen.

Photo: ZDF-planet-e

Volker Bassen | Photo: ZDF-planet-e

Der Geschäftsmann ist Volker Bassen, ein Schwede deutscher Abstammung, der schon seit den frühen 1990er Jahren an Kenias Küste ansässig ist.
Laut eigenen Angaben ist er Unterwasserfilmer, Pilot, Tauchlehrer, Kameramann, Kapitän, Fischer und – worum es hier vor allem geht – Gründer des EAST AFRICAN WHALE SHARK TRUST (EAWST).

Ein echter Entrepreneur eben, der es auch versteht, die Medien für sein Vorhaben zu nutzen. So erschienen schon einige Artikel in den kenianischen Online-Ausgaben von Daily Nation und StandardMedia, und vor etwa zwei Monaten war im deutschen Fernsehen ein Film von Jörg-Hendrik Brase in der ZDF-Reihe “planet e” und auf PHOENIX zu sehen, mit dem Titel “Rettet Papa Shillingi“. Eine Reportage über Bassens äußerst umstrittenes Projekt eines Freiwasser-Aquariums an Kenias South Coast, der Küstenabschnitt südlich von Mombasa.

 

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Raabia Hawa | Natur- u. Tierschutz-Aktivistin

Seine Gegenspielerin ist in Kenia wohl bekannt – man kann sie durchaus als einen Medienstar bezeichnen. Raabia Hawa moderiert jeden Samstagmorgen ihre dreistündige Sendung “This Is Life” auf Metro East FM Radio in Nairobi, führt ein Netzwerk von Umweltaktivisten an, und arbeitet als ehrenamtliche Direktorin für den KENYA WILDLIFE SERVICE (KWS), der staatlichen Tierschutz Organisation Kenias.

Die Bezeichnung Direktorin ist hier allerdings etwas irreführend, da sie eher dem Kampf gegen die Wilderei ein Gesicht in der Öffentlichkeit gibt indem sie Demonstrationen und Info-Veranstaltungen organisiert, und oft als Expertin in TV-Sendungen eingeladen wird. Außerdem streift sie mit den Park Rangers des KWS durch den Busch, macht Fallen unschädlich und erschwert den Wilderern das blutige Handwerk, anstatt wie eine Direktorin hinter einem großen Schreibtisch zu residieren. Sie geht dahin, wo es weh tut, wo die Sonne heiss auf die Savanne brennt, und wo man sich bei stundenlangen Fussmärschen Blasen an den Füssen holt. Auch dadurch hat sie sich schon lange den vollen Respekt der professionellen KWS-Ranger erworben.

 

Der Plan des Volker Bassen und seines EAWST ist die Errichtung eines Freiwasser-Aquariums bestehend aus Polyethylen-Netzen, die mit schweren Ketten am Meeresboden und mittels Bojen an der Wasseroberfläche gehalten werden sollen. So soll aus den Netzen ein kreisförmiges Gehege von 16000 qm Fläche entstehen mit einem Durchmesser von etwa 600 Metern, das später bis auf 2000 Meter Länge und 600 Meter Breite erweitert werden kann, falls die zuständige Behörde und die örtliche Gemeinde ihre Zustimmung gibt. Geplant ist zudem eine Forschungsstation unter Beteiligung einiger Top-Wissenschaftler, da bislang aus wissenschaftlicher Sicht noch nicht viel über das Leben der Walhaie bekannt ist. Außerdem eine Schutz- und Pflegestation für verletzte Meerestiere, und möglicherweise ein Programm zur Züchtung der Walhaie in Gefangenschaft.

Finanzieren soll sich das Projekt durch Touristen. Kenia wäre somit das einzige Land, so Bassen, wo man vormittags mit dem größten Fisch der Erde schwimmen, und nachmittags die größten Landtiere, die Elefanten, bewundern könne. Es gibt genug Beispiele die beweisen, dass sich Tierschutz und vernünftiger Tourismus gegenseitig ergänzen können und oft auch benötigen. Ob das allerdings auch in diesem Fall zutrifft ist schwer umstritten und darf durchaus bezweifelt werden.

 

Anfangs möchte Bassen zwei Tiere über einen Zeitraum von sechs Monate halten. Das Gehege soll permanent 24/7 bewacht werden und sollten die Walhaie nur die geringsten Anzeichen von Stress zeigen, würden sie sofort frei gesetzt. Ein japanischer Ingenieur soll das Gehege konstruieren – die Japaner betreiben Walhai-Forschung  schon seit 30 Jahren – und es wurden über ein Jahr Versuche durchgeführt um sicherzustellen, dass sich keine anderen Meerestiere darin verfangen können.

Wer allerdings die Strömungsverhältnisse vor Kenias Küste kennt muss zugeben, dass das Vorhaben doch recht abenteuerlich ist. Die Strömung wechselt je nach Jahreszeit von Nord nach Süd und umgekehrt. Hinzu kommt die normale tägliche Tiden-Strömung.

Es wird auf alle Fälle einige erfahrene Taucher benötigen um täglich eine Strecke von mehreren Kilometern Netz zu kontrollieren, und es von Algen, Seegrass, Treibmüll und was da sonst noch so alles rumschwimmt zu befreien. Und niemand kann garantieren, dass sich dort keine anderen Tiere wie z.B. Meeresschildkröten in den Maschen verfangen werden.

Sollten die Kontrollen der Netze einige Tage ausbleiben, wird der sich darin verfangene Mix aus organischem Material aller Art und Treibmüll den Strömungen eine zusätzliche ständig wachsende Auffangfläche bieten und eine Kraft entwickeln, die kaum zu beherrschen sein wird. Womöglich reicht auch das Material, das sich schon über Nacht in den Netzen sammelt, um das Gehege in ernsthafte Schwierigkeiten zu bringen.

 

Prinzipiell ist es absolut richtig von Bassen und dem EAWST auf die abnehmende Population des Walhais hinzuweisen und Modelle zu entwerfen, die dem Fisch helfen sich zu erholen. “Use them or lose them” ist sein Motto, das er jenen entgegnet, die ihm pure Geschäftemacherei vorwerfen. Eine Schnellschuss-Idee ist sein Vorhaben jedenfalls nicht. So hat der EAWST schon im Jahre 2006 eine Expedition zur Markierung und Beobachtung einiger Walhaie per GPS-Sender durchgeführt. Während der 14-tägigen Expedition im indischen Ozean konnten damals 58 Exemplare gesichtet werden. Im Jahre 2012 waren es nur noch sechs Tiere. Daher auch der Plan eines Geheges, anstatt die Touristen auf offener See mit dem sanften Giganten schwimmen zu lassen – denn man findet dort einfach keine Walhaie mehr. Niemand weiß genau warum der Hai die kenianische Küste zunehmend meidet, da sich die Erkenntisse über den größten Fisch des Planeten sehr in Grenzen halten.

 

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Raabia Hawa | Verbrennung von sichergestelltem Elfenbein

Und hier argumentiert Raabia Hawa sehr einleuchtend: wie kann man einen Fisch von dieser Größe in einem Gehege halten, wenn so wenig über seine Lebensgewohnheiten und Bedürfnisse bekannt ist? Denn soviel ist offensichtlich: er muss schwimmen um zu fressen. Nur indem er ständig schwimmt, spült er das Plankton und anderes Kleingetier in sein riesiges Maul. Einige Exemplare wandern Tausende Kilometer durch die Weltmeere, andere dagegen bleiben in einem Gebiet. Einige tauchen bis zu 1500 Meter und tiefer, andere bewegen sich fast nur in Nähe der Wasseroberfläche.

Ob hier ein Gehege von 600 Metern Durchmesser mit einer Wassertiefe von 17 Metern ausreicht? Außerdem kam der Walhai schon immer nur zweimal im Jahr an der kenianischen Küste vorbei, einmal im März und dann wieder im Oktober. Wenn er jetzt immer seltener auftaucht, hat das eventuell auch damit zu tun, dass er dort immer weniger Plankton findet. Und das hat wohl wiederum ganz andere Gründe.

Volker Bassen möchte Touristen für €120,- eine etwa dreistündige Exkursion bieten, mit Vorträgen über Walhaie und Meeresschutz im Allgemeinen. Darin enthalten ist dann etwa eine Stunde Tauchgang mit den sanften Riesen.

Raabia Hawa hat prinzipiell gar nichts gegen die Verbindung von Tourismus und Tierschutz – wogegen sie kämpft ist das Einsperren der Tiere in ein Gehege. Sie vertritt den Standpunkt, dass man schon verloren hat wenn man Tiere einsperrt um sie zu schützen. Man muss sie in ihrem natürlichen Lebensraum schützen, so verbindet sich Tierschutz mit allgemeinem Naturschutz. Daher bezeichnet sie Bassens Aquarium auch angewidert als Unterwasser-Zoo und zweifelt zu Recht an Bassens selbstloser, tierschützerischer Absicht, angesichts der Tatsache, dass er noch vor einigen Jahren selber Haie gefischt hat. Für sie ist es offensichtlich, dass es Volker Bassen nur ums Geschäft geht, und er den Tierschutz und die Vorteile für die lokale Bevölkerung benutzt, seine Geschäftsidee zu rechtfertigen.

 

Und warum soll man einen Fisch von dieser Größe einsperren, der aufgrund seiner Evolution gewohnt ist mehrere tausend Kilometer zu wandern? Vielleicht bringt man ihn völlig aus seinem jahreszeitlichen Rhythmus wenn man ihn über sechs Monate an einem Ort festhält, und stört so zum Beispiel seine Fortpflanzung und die Möglichkeit, zur richtigen Jahreszeit seine natürlichen Futtergebiete zu erreichen.

Auch Dr. David Obura, Wissenschaftler für maritime Ökosysteme und Koordinator von CORDIO, einer Forschungs- und Entwicklungsorganisation für den indischen Ozean sagt, es sei ein Unding anzunehmen, man könne eine Spezies die jährlich 3000 km wandert und 1000 m taucht, zufrieden in einem Bassin halten.
Mit Tieren an Land, z.B. Elefanten verfahre man schließlich ähnlich, ist Bassens Argument. Allerdings sollte man schon unterscheiden zwischen quadratkilometer-großen Naturparks in denen Elefanten auch über Staatsgrenzen wandern können, und einem Gehege mit 600 Metern Durchmesser.

Aber es stellen sich auch genug praktische Fragen wie: was passiert während eines Sturms? Und es stürmt nicht selten an Kenias Küste. Ist das Gehege stabil genug verankert oder wird das Netz mit den Ketten am Meeresgrund fortgerissen? Man kann jedenfalls auch von sehr erfahrenen Tauchern nicht erwarten, dass sie ihr Leben riskieren um das Gehege auch während eines Sturms zu bewachen. Wie werden die Walhaie gefüttert wenn es zeitweise kaum Plankton geben sollte? Ein erwachsenes Tier benötigt ca. 30 kg täglich. Es ist anzunehmen, dass die NEMA, die kenianische Naturschutzbehörde, die Bassens Antrag genehmigen soll, solche und andere Fragen beantwortet haben möchte.

 

Eines ist aber auch schon klar: es würde deutlich helfen, wenn die kenianischen Fischer den Walhai nicht mehr bejagen würden. Dies tun sie – nachdem sie schon die kleineren Hai-Arten deutlich dezimiert haben – seines Lebertrans wegen, dem Sifa, wie es die Fischer nennen. Das benötigen sie, um ihre Boote gegen Holzwürmer zu tünchen.
Als Ersatz für das Tran könnte man, so der EAWST, auch das Öl der Cashew-Nussschalen nehmen. Es bietet denselben Schutz gegen den Holzwurm wie das Hai-Tran.

Auf der Website des EAWST erfährt man, dass auch die Produktion und der Vertrieb von Cashew-Öl durch den EAWST geplant ist. Cashew-Farmen gibt es an der Küste genug, sodass dies sicher eine Möglichkeit wäre und auch einige Arbeitsplätze schaffen würde.

Doch warum, so werden sich die Fischer fragen, sollten sie für ein Cashew-Öl bezahlen, wenn es das Holzschutzmittel aus dem Walhai umsonst gibt. Solange es also kein absolutes Jagdverbot auf Walhaie an der gesamten Küste gibt und Verstöße empfindlich bestraft werden, hätte dieses Modell wohl keine Chance. Denn auch wenn Bassen die Fischer an den Einnahmen durch den Tourismus finanziell beteiligen will, gibt es keine Garantie, dass sie von dem Geld auch wirklich Cashew-Öl für ihre Boote kaufen. Wer die Mentalität der Menschen an der Küste kennt weiß, so freundlich, zuvorkommend und liebenswürdig sie auch sind, dass nur das Heute zählt, morgen ist wieder ein neuer Tag an dem es gilt, etwas Geld zu machen.

Nach einigen technischen Rückschlägen mit Netzen und Booten und aufgrund des massiven Widerstands von Raabia Hawa und ihrem Naturschutz-Netzwerk lässt Volker Bassen vorerst alle weiteren Aktivitäten bezüglich des Projekts ruhen. So möchte er auch vermeiden, dass durch weiteres Vorantreiben des Vorhabens die Genehmigung durch die NEMA gefährdet wird. Denn die soll im Herbst über den Antrag des Volker Bassen und sein Freiwasser-Aquarium entscheiden.

 

NEMA-Report

NEMA-Report

Laut neuesten Informationen von Raabia Hawa hat die NEMA, die kenianische Naturschutzbehörde, den Antrag von Volker Bassen zur Errichtung eines künstlichen Freiwasser-Geheges an der kenianischen Küste aus folgenden Gründen abgelehnt:

Das beantragte Projekt
– verweigert Walhaien das Recht auf Existenz in ihrem natürlichen Lebensraum.
– lässt sich nicht adäquat mit den lokalen Gemeinden vereinbaren.
– missachtet, dass Walhai-Tourismus im offenen Meer stattfinden kann, ohne die Tiere einzufangen.
– steht im Widerspruch zu dem 1962 verabschiedeten kenianischen Gesetz gegen Grausamkeit gegen Tiere.

Das scheint aber noch nicht das Ende der Geschichte zu sein, denn Volker Bassen wird noch nicht aufgeben und plant bereits einen neuen Antrag bei der NEMA.

 

 

 

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